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Im Blickpunkt
ARNO
Von Jacques Martin und André Juillard
Gesamtausgabe in einem Band

Venedig, Juli 1797. Siegreich zieht General Napoleon Bonaparte in die Stadt an der Lagune ein. Doch während ihm die Vertreter der alten Republik ihre Unterwürfigkeit demonstrieren, plant eine Gruppe von Verschwörern seinen Tod. Ihr Kennzeichen ist ein rotes Pik. Der Musiker Arno Firenze kann einen Anschlag der Gruppe verhindern. Dadurch erringt er die Aufmerksamkeit des Generals. Ein Jahr später gehört er zum Tross der Künstler und Wissenschaftler, die Napoleon auf seinen Ägyptenfeldzug begleiten. Diese Reise wird das Leben aller Beteilgten verändern.

Ein Klassiker der Historiencomics, nach 30 Jahren wiederaufgelegt in einer schönen Gesamtausgabe, die in einem breiten Anhang die Hintergründe der Serie beleuchtet.

Originaltitel und Verlag: "Arno", Casterman

 

Jacques Martin

Er erfand den Historiencomic, lange bevor der in den 80er Jahren zur Mode wurde. Jacques Martin wurde am 25. September 1921 in Straßburg geboren. Er ließ sich zum Ingenieur ausbilden und wurde als solcher im Krieg von den Nazis rekrutiert. Nach 1945 versuchte er sich als Illustrator und Comiczeichner und hatte 1948 - mit seiner zur Zeit der Römer spielenden Abenteuerserie »Alix« - das Glück, beim belgischen Magazin Tintin zu landen. Von "Alix" schrieb und zeichnete er 19 Alben (dt. bei Carlsen und Kult Editionen); dann übergab er an andere Zeichner. Ähnlich war es mit Martins zweiter Hauptserie, dem in moderner Zeit handelnden "Lefranc" (ab 1952; dt. "L. Frank"): Hierfür zeichnete er nur die ersten drei Geschichten, schrieb dann aber bis 2004 über ein Dutzend Szenarios (zunächst für Gilles Chaillet). Zusammen mit Edgar-Pierre Jacobs gehörte Jacques Martin zu den führenden Zeichnern des Studios Hergé. Für Jean Pleyers schrieb er 1978 den Mittelalter-Comic "Jhen" (dt. 5 Alben bei Feest). Als der Verlag Glénat zu Anfang der 80er Jahre die Historiencomics forcierte, galt Jacques Martin bereits als Altmeister des Genres. Mit den ersten drei Alben von "Arno" (1983-1987; dt. bei comicplus+) bewies er sein Können, doch fielen die folgenden, erst nach langer Pause erscheinenden Bände deutlich ab (1994-1997; Zeichner Jacques Denoël). 1990 war das im alten Griechenland spielende "Orion" erschienen (dt. 1 Album bei Carlsen), dessen Zeichnungen mit der zweiten Geschichte Christophe Simon übernahm. In dieselbe Zeit entführte auch "Keos" (1992-1999; 3 Alben von Jean Pleyers), während die Handlung von Martins letzter Serie, "Loïs", im 17. Jahrhundert spielte (ab 2003; Zeichnungen Olivier Pâques). Seit den 90er Jahren quälte ihn ein Augenleiden. Als Jacques Martin am 21. Januar 2010 starb, war er fast erblindet. Als Autor wie auch als Zeichner hat er den frankobelgischen Comic beeinflusst wie kaum ein anderer - seine rund 120 Alben verkauften sich millionenfach und wurden in 15 Sprachen übersetzt.

André Juillard

Geboren wurde er am 9. Juni 1948 in Paris. Als er 1970 Philippe Druillets "Lone Sloane" entdeckte, stand sein Berufswunsch fest: Comiczeichner. Er belegte Kurse in Paris und Vincennes, wo damals Mézières, Druillet und Giraud unterrichteten. Seine ersten Comics und Illustrationen veröffentlichte André Juillard 1974 in den Zeitschriften des katholischen Verlags Fleurus: In Formule 1 sah man ab 1976 seine erste längere Serie, den Rittercomic "Bohémond de Saint-Gilles". Die Zeichnungen von "Les Missions d'Isabelle Fantouri" (ab 1976 in Djinn) teilte er sich mit Didier Convard. Es folgte 1980 "Masquerouge" (in Pif Gadget, nach einem Szenario von Patrick Cothias; dt. "Der rote Falke" im Reiner Feest Verlag und bei Kult Editionen). Diese im 17. Jahrhundert spielende Serie war der Türöffner für die weitere Karriere. Pif hatte "Masquerouge" nach fünfzehn Folgen abgesetzt; Juillard und Cothias sprachen bei Glénat vor und wurden von dessen Programmleiter Henri Filippini mit offenen Armen empfangen. "Les 7 vies de l'épervier" (ab 1982; Szenario Patrick Cothias; dt. "Die 7 Leben des Falken" bei Carlsen) knüpfte thematisch an "Masquerouge" an. Über die Veröffentlichung im neuen Magazin Circus avancierte André Juillard fast aus dem Stand zum neuen Starzeichner der Szene. 1983 schloss sich "Arno" an (mit Jacques Martin als Autor; dt. bei comicplus+); eine Zeitlang arbeitete der Zeichner an beiden Serien abwechselnd. "Arno" beendete er 1987. Der erste Zyklus von "Die 7 Leben des Falken" war 1991 nach sieben Alben abgeschlossen; es folgte ein zweiter, "Plume aux vent" (1995-2002; dt. "Wie eine Feder im Wind" bei Kult Editionen), und 2014 der Beginn eines dritten. 1996 erhielt André Juillard den Grand Prix der Stadt Angoulême. Da hatte er längst begonnen, sich auch als Autor ins Gespräch zu bringen: Mit "Le cahier bleu" (1994, dt. "Das blaue Tagebuch"), "Après la pluie" (1998, dt. "Nach dem Regen") und dem zweibändigen "Lena" (2002-2006) bewies er, dass er sich inhaltlich auch außerhalb der Historiencomics bewegen konnte. Seit 1999 bildet André Juillard, zusammen mit Yves Sente als Autor, das zweite Team bei der Erneuerung der Serie "Blake und Mortimer" (dt. bei Carlsen). Bis 2016 erschienen hier sieben Alben. Nach Szenarien von Yann kamen 2011 bzw. 2018 die Fliegercomics "Mezek" und "Doppel 7" heraus (dt. bei Salleck). Mit seinen Comics, aber auch mit seinem Werk als Illustrator ist André Juillard heute einer der wichtigsten Zeichner seines Landes.

Neuer Trend: Geschichte

André Juillard hatte bereits viele Jahre als Comiczeichner gearbeitet und ein rundes Dutzend Alben veröffentlicht, bevor der Erfolg an seine Tür klopfte. Er klopfte in Person von Henri Filippini, dem Programmdirektor des aufstrebenden Verlags Glénat. Um an dessen Bestseller "Reisende im Wind" anzuknüpfen, hatte Filippini Ausschau nach Zeichnern gehalten, die historische Stoffe behandeln konnten.

Der zurückhaltende, in der Verlagspolitik noch unverbrauchte Juillard schien ihm geeignet, zeichnete er doch - nach einem Szenario von Patrick Cothias - in der Zeitschrift Pif Gadget seit 1980 die Serie "Masquerouge" (dt. "Die rote Maske"). Der Stoff spielte im 17. Jahrhundert; das Thema ließ sich ausbauen. Im Oktober 1982 stellten sich Cothias und Juillard in der Glénat-Zeitschrift Circus mit einer neuen Serie vor, die alle Welt zum Staunen brachte: "Les 7 vies de l'épervier", zu deutsch "Die 7 Leben des Falken". Die Aufmerksamkeit, die André Juillard durch die Publikation in Circus erfuhr, überraschte auch ihn: "Es war eigenartig: Während ich in Pif Gadget veröffentlichte, das zu in jenen Tagen immerhin bis zu 400.000 Auflage erreichte,war ich den Leuten weit weniger bekannt als nach dem Wechsel zu Circus, das doch nur ein Zehntel dieser Auflage hatte."

Glénat gab in jenen Tagen einen Trend vor, und "Die 7 Leben des Falken" war dazu auserkoren, diesen Trend zu untermauern. Um das Thema Historiencomic zu forcieren, hatte Filippini eine zweite Zeitschrift in Planung, eine Zeitschrift, die allein diesem Stoff dienen sollte und die das Konzept schon im Namen trug: Vécu. "Vécu" heißt gleichzeitig "Vergangenes" und "Erlebtes". André Juillard war inzwischen so bekannt, dass er das Aushängeschild der neuen Zeitschrift werden sollte, aber nicht mit "Die 7 Leben des Falken", sondern mit seiner neuen Serie "Arno", deren erster Teil bereits in Circus zu sehen gewesen war. "Arno" stammte aus der Feder von Jacques Martin ("Alix"), dem Altmeister des Historiencomic. Zu ihm war Juillard durch die Vermittlung von Jean-Pierre Dionnet, dem Chefredakteur von Métal Hurlant, gekommen, der ebenfalls ein dem Abenteuergenre gewidmetes Magazin in Planung hatte.

Dass Martin sich für ihn entschieden hatte, schmeichelte Juillard (war er doch mit "Alix" aufgewachsen), aber er hatte auch Bedenken, dass die Person des Napoleon zu sehr im Vordergrund stehen würde: "Jacques Martin ist von großen Männern wie Napoleon oder Cäsar beeindruckt, ich dagegen weit weniger. Also habe ich auch kein großes Interesse daran, die Lebensgeschichten historischer Persönlichkeiten zu zeichnen. Was mir am Historiencomic gefällt, ist weniger die Geschichte als das Pittoreske, das Ambiente, die Kostüme und die Architektur." Ein Historiencomic - das ist kein "Illustrierter Klassiker", keine gezeichnete Biografie, sondern ein epischer Comic mit fiktivem Inhalt, der als Folie bekannte Szenarien, Personen und architektonische Dekors aus der Vergangenheit nutzt. Als Genre sind Historiencomics eine Unterschublade zum Abenteuer, sie basieren aber - anders als "Sigurd" oder "Ritter Roland" - auf ausgiebigen Recherchen zu historischen Fakten. Der Protagonist bewegt sich auf dem Boden mehr oder weniger bekannter Ereignisse, aber es ist vordergründig seine persönliche Geschichte, die hier beschrieben wird, nicht die historisch überlieferte Geschichte.

Martins Comic setzt zeitlich ein mit dem Italienfeldzug Napoleons von 1796/97; das Ende sollte - den Wünschen des Autors nach - bei seiner Verbannung und dem Tod auf Sankt Helena liegen. Der junge Musiker, auf dessen Spiel der Eroberer aufmerksam wird, trägt den Namen Arno Firenze - Arno, das ist der Fluss, der durch Florenz, auf italienisch Firenze, fließt. Doch 1797 sind wir nicht in der Toskana, sondern in Norditalien. Juillard zeigt wenig von Venedig - den Canal Grande, die Lagune - , aber das, was auf diesen wenigen Seiten passiert, hat Einfluss: Wenn Jean Dufaux und Griffo fünfzehn Jahre später ihren Comic "Giacomo C." in die Welt setzen, spürt man den Vorgänger deutlich. Überhaupt wirkte Juillard in diesen Jahren stilbildend. Man bewunderte allgemein die "klassische Eleganz" seines Strichs; junge Comiczeichner nicht nur in Frankreich versuchten ihm nachzueifern. So entstand damals eine mehrgliedrige Erneuerung des Comic: Plötzlich gab es neue Themen, neue Zeichenstile, nicht zuletzt aber auch einen neuen Verlag mit neuen Ideen und ein neues, all das forderndes Publikum.

Der Historiencomic erweiterte den erzählerischen Spielraum. Martin hatte das schon in den 40er und 50er Jahren mit "Alix" vorgemacht: Der Held einer Serie wird nicht nur in eine andere Zeit versetzt, er reist auch in dieser Zeit und vermittelt dem Leser eine Bandbreite an Eindrücken, die über die Schilderung einer gewählten Region hinausgeht. Der Leser lernt die Welt von gestern kennen. Das klingt pädagogisch, und so war es vermutlich auch noch bei "Alix" intendiert. Der Leser, der in den 80ern Circus und Vécu kaufte, war indes den Kinderschuhen entwachsen. Was er durch seine Comiclektüre lernte, bewegte sich auf einem anderen Level: Das galt für die Feinheit der historischen Zusammenhänge ebenso wie dafür, dass die neuen Historiencomics Themen anschnitten, die in den 50ern tabu gewesen waren - so zum Beispiel die Erotik der zwischenmenschlichen Beziehung.

Oben Seite 34, unten Seite 118 aus "Arno".

Unten Seite 163 aus dem redaktionellen Teil von "Arno".

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