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Im Blickpunkt
UNTERWEGS
von Daniel Ceppi
Gesamtausgabe in 6 Bänden

1977. Nach einem misslungenen Überfall muss der junge Stephan Clément fliehen. Er folgt der sogenannten Straße der Hippies, die ihn über die Türkei, Iran und Afghanistan bis nach Indien führen soll. Dabei gerät er von einem Abenteuer ins andere, so zum Beispiel, als er in Bamiyan auf den Engländer Richard trifft. Richard ist auf der Suche nach einem sagenhaften Schatz im indischen Dschungel.

"Unterwegs" ist das Hauptwerk des Schweizers Daniel Ceppi. Nach der überarbeiteten ersten Staffel wird comicplus+ auch die noch nicht auf deutsch erschienenen Alben der Serie bringen. Sie gelten als frühes Beispiel von Comicreportage. Auf 1000 Exemplare limitierte Gesamtausgabe.

Originaltitel und Verlag: "Stéphane Clément, Chroniques d'un voyageur", Les Humanoïdes Associés und Editions du Lombard

 

Daniel Ceppi

Der Schweizer Daniel Ceppi (geboren am 3. April 1951 in Genf) zählt neben Cosey und Derib zu den bekanntesten "realistischen" Zeichnern seines Landes. Seine Hauptserie ist "Stéphane Clément, Chroniques d'un voyageur", von der im Original heute 13 Alben sowie ein Nachdruck der Schwarzweißfassung der ersten drei Geschichten vorliegen. 1991 entstand in zwei Bänden "Corps diplomatique" und zwischen 2006 und 2008 in drei Alben "CH confidentiel" (dt. "Causa Helvetica" bei comicplus+), in denen sich Ceppi erneut als Autor spannender Geschichten und als scharfer Beobachter beweist. Beide Kurzserien spielen in seiner Heimatstadt Genf.

Daneben gibt es mehrere Einzelbände nach Texten fremder Autoren: "L'ombre de Jaipur" (1891; Szen. Juan Martinez), "Croco & Co." (1986; Szen. Bernard de Vepy; dt. 1987 bei der Edition Moderne), "La nuit des clandestins" (Szen. Pierre Christin) sowie "Les aventures de Natrix" (1993; Szen. Juan Martinez).

Daniel Ceppi lebt heute mit seine Frau Paule, die viele seiner Comics koloriert und "Corps diplomatique" mit verfasst hat, in Westfrankreich.

Der Abenteurer als Chronist seiner Zeit

Sphärische Sitarklänge, der süße Duft von "Schwarzem Afghanen", das Versprechen spiritueller Erkenntnis - die Anreize, die junge Menschen in den 70er Jahren dazu brachten, sich auf die Reise nach Indien zu begeben, waren vielfältig. Wer wenig Geld hatte und viel Zeit, wählte den Landweg: Istanbul (mit dem berühmten Pudding Shop als Treffpunkt und Nachrichtenbörse), Türkei, Iran (bis zur Revolution von 1979), Afghanistan (mit den Buddha-Kolossen von Bamiyan), von dort über den Khyberpass nach Pakistan und schließlich Indien, bis Kalkutta und weiter. Diesen Weg ging seinerzeit der Schweizer Autor und Zeichner Daniel Ceppi, diesen Weg ließ er 1977 auch seine Romanfigur Stéphan(e) Clément nehmen.

Stephans Geschichte ist aber nicht autobiografisch; sie ist lediglich das Echo meiner Reisen. Anfangs hatte die Serie nicht einmal einen Titel. Das kam daher, dass die Figuren nicht das Wichtigste sind. Weder Stephan noch Alice sind "Helden"; sie leben durch ihre Umgebung, durch die Menschen, mit denen sie zusammen sind.

Ich wollte mit meinem Comic die Wirklichkeit abbilden. Alles darin ist wahr; es sind Abenteuer, die mir selbst passiert sind oder welche, die andere mir erzählt haben. Den Taxifahrer hat es gegeben, ebenso die Überquerung der Grenze, mit dem Mädchen, das seine Brüste zeigen muss. Die Zigaretten, die auf dem Tisch liegen, sind die, die es in Indien gibt, und so weiter. Der Leser weiß das vielleicht nicht, aber er fühlt es.

Mit "Unterwegs" nahm Daniel Ceppi etwas vorweg, das in den 70er Jahren noch so gut wie unbekannt war: die Comicreportage. In den bei Casterman erschienenen sieben Alben stand zwar noch der Abenteuercharakter der Erzählung im Vordergrund; in den ab Mitte der 90er geschaffenen Episoden aber schilderte Ceppi Stephans Erlebnisse vor dem Hintergrund von Politik und Gesellschaft. Diese Reifezeit der Serie liegt auf deutsch bisher nicht vor; wir werden sie - und das ist dann eine Premiere - ab Band 3 unserer Gesamtausgabe vorstellen.

Dass sich aus den ersten Anfängen einmal eine langlebige Serie entwickeln würde, war zunächst überhaupt nicht abzusehen. Daniel Ceppi arbeitete Anfang der 70er als Grafiker in der Werbung. Daneben hatte er ein Faible fürs Schreiben entdeckt, und so sollte eigentlich auch Stephans Geschichte zunächst als Krimi erscheinen. Das Schreiben wollte nicht recht vorangehen, Ceppi ergänzte die Texte durch Illustrationen, und irgendwann war es soweit, dass daraus ein Comic wurde. Das Comiczeichnen war ein Hobby, das Ceppi nur in seiner freien Zeit verfolgen konnte, und so dauerte die Fertigstellung von "Le guêpier" - auf deutsch "Das Wespennest" - volle zwei Jahre.

Schon in "Die tödliche Quelle" zeichnete sich ab, welchen Weg der Autor Daniel Ceppi einzuschlagen gedachte. Die Betonung liegt auf "Autor", denn "Unterwegs" ist, wenn man es in seiner Gänze betrachtet, nicht nur ein zeichnerisches Werk, sondern die Stellungnahme eines Autors zu der Welt, in der er sich bewegt, in der wir alle uns bewegen. Dieser Comic ist Dokumentation und Kommentar zugleich.

Ceppi wird insbesondere in den zwischen 1995 und 2012 erschienenen Bänden der Serie gesellschaftspolitische Fragen anschneiden, die die von Stephan Clément "bereisten" Länder betreffen. So geht es in "Pondichery" um den Handel mit Organen in Indien, in "Belfast" um den Nordirlandkonflikt, in "Vanina Business" um Menschenhandel und die Russenmafia, in "L'or bleue" um Wasser für Syrien und in "L'ivoire de Sheila McKingsley" um illegalen Antiquitätenhandel. In "L'engrenage turkmène" und "Le Piège Ouzbek" stehen die Probleme der südlichen Länder der ehemaligen Sowjetunion im Vordergrund. War Stephan Clément in der ersten Staffel der Serie, also den bis 1986 erschienenen Alben, auf seinen Reisen quasi dem Schicksal ausgeliefert, so hat er zehn Jahre später an Reife und Handlungsfreiheit gewonnen.

Zwischen beiden Staffeln liegt eine große zeitliche Lücke. Nach "Captifs du chaos" bekam ich mit Casterman verschiedene Probleme, was dazu führte, dass ich den Comic abbrach. Fabrice Giger, der damals Chef der Humanos war, schlug mir vor, erst einmal andere Projekte zu verfolgen, um die Serie vielleicht später wiederaufzunehmen. Bis dahin vergingen neun Jahre! Ich beschloss, den alten Stephan zu beerdigen, den Stephan, der dauernd auf der Flucht war und der nie Geld hatte. Als ich die Serie weiterführte, war ich 40 Jahre alt und hatte inzwischen andere Dinge im Kopf. Die Welt hatte sich geändert, die Zeit der Hippies war lange vorbei. Ich wollte etwas Reiferes machen, zum einen für mich und zum anderen, um als Autor auf der Höhe der Zeit zu sein. Dazu war der Abstand von neun Jahren nur förderlich, denn auch meine Leser waren älter geworden und würden die Veränderungen akzeptieren.

Mag Stephan Clément in den neueren Geschichten reifer geworden sein - es sind gerade auch die Hippiezeiten, die in der Rückschau ihren Reiz bewahrt haben. So kann man "Unterwegs" auch unter nostalgischen Gesichtspunkten genießen. Unbeschwertes Reisen nach Afghanistan ist heute undenkbar, andere Orte wie Istanbul sind längst vom Massentourismus erobert. Für den Stephan der 70er Jahre war die Reise in den Osten ein großes Abenteuer; wer heute nach Indien will, setzt sich ins Flugzeug und bucht das Hotel im Internet. Das gilt gerade für die jüngere Generation - sie ist nicht jünger, sondern bequemer geworden; sie lässt sich in fremder Umgebung nicht mehr treiben, sondern sucht Standort und Ziel auf dem Navi.

Damals war es aufregend, nicht zu wissen, was einen am Ende einer Reise erwartete: "Der Weg ist das Ziel." Die Unterschiede zwischen den Ländern waren größer als heute. Es gab ein gesundes Misstrauen Fremden gegenüber, aber es gab für den Reisenden keine Probleme, die sich aus religiöser Andersartigkeit ergaben. Man kannte keine Vorverurteilungen, weil jemand ein Land und seine Politik »repräsentierte«, jedenfalls nicht unter den jungen Idealisten auf der Suche nach einer spirituellen Alternative. Der Konsum sogenannter weicher Drogen war unter den Hippies die Regel, doch das Drogenproblem, das wir heute kennen und das sich aus Kriegen und dem skupellosen Handel ergeben hat, war erst im Entstehen und stellte nur für wenige ein Problem dar.

Daniel Ceppi schuf "Unterwegs" zeitnah zur beschriebenen Handlung. Damit sind diese Geschichten ein Zeitdokument, das Aufschluss darüber geben kann, wie einer wie Stephan (einer wie Daniel Ceppi) damals dachte. Mit seiner Detailtreue - der Zeichner verließ sich nur auf selbst Gesehenes und selbst Fotografiertes - ist dieser Comic auf jeden Fall dokumentarisch, auch wenn der Leser zunächst eine spannende Abenteuererzählung vorzufinden glaubt. Das erklärt die Faszination von Ceppis Comics, die nie vordergründig belehrend sein wollen. "Unterwegs" ist gute Unterhaltung, es ist "ganz großes Kino".

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